Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer,
um zwei Uhr war heute plötzlich drei. Kein Wunder, dass viele beim Aufstehen etwas wirr in den Tag gestolpert sind. Die Sommerzeit hat wieder begonnen, und mit ihr beginnt jedes Jahr aufs Neue eine fast philosophische Diskussion: Was machen wir eigentlich mit unserer Zeit? Und brauchen wir diese Umstellung überhaupt noch?

Es gibt längst Beschlüsse auf europäischer Ebene: Die Sommerzeit soll abgeschafft werden. Nur – man kann sich nicht einigen. Welcher Zeit sollen wir das ganze Jahr folgen? Der Winterzeit? Oder der Sommerzeit? Beides hätte Auswirkungen, die unseren Alltag nicht nur stören, sondern regelrecht durchrütteln könnten.
Stellen wir uns mal vor, wir würden dauerhaft die Sommerzeit behalten: In Warschau ginge die Sonne im Dezember erst gegen 9:15 Uhr auf. In Helsinki noch später. Kinder müssten im Stockdunkeln zur Schule. Und in Spanien? Dort würde es im Sommer oft erst gegen 23 Uhr richtig dunkel werden – wer soll da schlafen, wenn es draußen noch aussieht wie am frühen Abend?
Und bei dauerhafter Winterzeit? In Portugal und im Westen Irlands geht die Sonne dann im Sommer schon kurz nach 4 Uhr morgens auf. Wer bitte hat da was davon, wenn der Tag beginnt, während der Großteil noch schläft?
Diese kleinen Rechenaufgaben zeigen: Zeit ist nicht einfach neutral. Zeit hat Macht. Und das nicht nur im Kalender. Auch in unserem Leben. Und genau da will ich heute ansetzen.
„Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Psalm 31,16
Dieser Satz stammt aus einem Psalm, geschrieben in Not und Unsicherheit. Der Autor klammert sich daran, dass selbst dann, wenn alles zerbröselt, etwas bleibt: Gottes Kontrolle über unsere Zeit. Und das meint nicht die Uhrzeit oder die Zeitzone. Es meint: Gott hat einen Plan, selbst wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Zeit verrinnt wie Sand zwischen den Fingern.
Und das kennen wir doch, oder? Mal rast die Zeit, mal zieht sie sich wie Kaugummi. Mal haben wir das Gefühl, alles läuft wie geschmiert – dann wieder scheint jede Sekunde zu lange. Und dazwischen fragen wir uns: Was ist eigentlich „meine Zeit“?

Jesus selbst hat über Zeit gesprochen. Und oft ganz anders, als man es erwarten würde:
„Meine Zeit ist noch nicht da; eure Zeit ist immer bereit.“
Johannes 7,6
Was für ein Satz! Die Menschen um Jesus herum wollten, dass er sich öffentlich zeigt, dass er auftritt, sich präsentiert, ein Statement setzt. Aber Jesus antwortet: „Meine Zeit ist noch nicht da.“ Er wartet. Er lebt nicht nach Erwartungsdruck oder Terminvorgabe. Sondern nach einer inneren Führung. Nach Gottes Zeitplan.
Wie oft leben wir gegen unsere Zeit? Weil wir schneller sein wollen als wir sind. Weil wir versuchen, etwas zu erzwingen, das noch nicht reif ist. Oder weil wir Angst haben, etwas zu verpassen. „FOMO“ nennt das die jüngere Generation: Fear of Missing Out. Die Angst, etwas zu verpassen. Deshalb hetzen wir oft durch unsere Tage, als ginge es um Sekundenbruchteile.
Aber was, wenn wir lernen würden, wieder „in Gottes Zeit“ zu leben? Nicht nach der Uhr, sondern nach dem, was wirklich dran ist. Nach dem, was jetzt zählt. Nicht: „Was kann ich alles schaffen in der Stunde?“ Sondern: „Was ist jetzt wichtig?“
Ein unbekannter Denker hat einmal gesagt: „Wir haben immer genug Zeit, wenn wir sie richtig nutzen.“ Dieser Satz klingt ein bisschen nach Wandkalender – aber er stimmt. Denn es geht nicht um mehr Zeit, sondern um bewusstere Zeit.

Die Zeitumstellung heute ist ein guter Moment, darüber nachzudenken: Was mache ich mit meiner Stunde mehr oder weniger? Was mache ich mit meinem Tag? Wofür ist jetzt die Zeit?
In der Bibel heißt es:
„Alles hat seine Zeit: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“
Prediger 3,1-2
Und dann folgt eine ganze Liste von Dingen, die ihre Zeit haben. Nicht alles gleichzeitig. Nicht alles sofort. Sondern in Schritten. In Etappen. Mit Geduld. Und manchmal auch mit Aushalten.
Vielleicht wäre es an der Zeit, unsere Uhren mal kurz anzuhalten – innerlich. Und zu fragen: Was ist jetzt dran? Nicht, was ich alles müsste. Nicht, was andere erwarten. Sondern: Was ist jetzt meine Zeit?
Und wenn du das nicht weißt – dann ist vielleicht genau jetzt die Zeit, um zu beten. Oder still zu werden. Oder jemanden zu fragen, der dich gut kennt. Vielleicht ist auch die Zeit, etwas loszulassen. Oder etwas Neues zu wagen.
Egal ob Sommer- oder Winterzeit: Die wichtigste Zeit ist die, die wir mit Sinn füllen. Mit Liebe. Mit Hoffnung. Mit Vertrauen.
Gott, du kennst unsere Zeit. Du weißt, wann wir rennen und wann wir stolpern. Du siehst, wie oft wir uns im Takt der Welt verlieren und vergessen, was wirklich zählt. Hilf uns, deine Zeit in unserem Leben zu entdecken. Gib uns Geduld, wenn wir warten müssen. Mut, wenn wir losgehen sollen. Und Vertrauen, dass du unsere Zeit gut machst – auch wenn wir sie gerade nicht verstehen.
Amen!