690 – Ein Wort in Ketten

690 – Ein Wort in Ketten

Hinweis: Diese Andacht ist Teil der Reihe „Paulus auf dem Weg – Glaube mit allen Konsequenzen“. In Folge 689 („Wenn Glaube provoziert“) ging es um Paulus' Verhaftung im Tempel von Jerusalem. Heute erleben wir, wie er – gefesselt und unter Beobachtung – vor den jüdischen Hohen Rat tritt.

Liebe Leserinnen und Hörer,

Paulus ist kein freier Mann mehr. Er steht in Ketten. Nicht, weil er Unrecht getan hat, sondern weil er nicht aufgehört hat, die Wahrheit zu sagen. Was nun folgt, ist keine Gerichtsverhandlung im modernen Sinn. Es ist eine Mischung aus Machtspiel, religiösem Eifer, verletztem Stolz – und einem Mann, der sich nicht einschüchtern lässt.

„Paulus aber blickte den Hohen Rat an und sprach: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe mit allem guten Gewissen vor Gott gelebt bis auf diesen Tag.“
Apostelgeschichte 23,1

Ein Satz – und schon brodelt es. Paulus stellt sich nicht als Opfer dar. Er verteidigt sich nicht mit juristischen Argumenten. Er sagt: Mein Gewissen ist rein. Ich habe Gott gedient, mit allem, was ich hatte. Das klingt aufrichtig – ist aber für die, die ihn verurteilen wollen, eine Provokation. Denn wer behauptet, im Reinen mit Gott zu sein, stellt indirekt alle anderen in Frage.

Die Reaktion folgt sofort:

„Aber der Hohepriester Ananias befahl denen, die bei ihm standen, ihn auf den Mund zu schlagen.“
Apostelgeschichte 23,2

Paulus wird geschlagen, Sora, prompted by ChatGPT
Paulus wird geschlagen, Sora, prompted by ChatGPT

So schnell kann Wahrheit unterdrückt werden. Ein Befehl, ein Schlag. Wer widerspricht, wird zum Schweigen gebracht. Auch heute passiert das – subtiler vielleicht, aber nicht weniger real: durch Spott, durch Ignoranz, durch Druck.

Paulus aber schweigt nicht. Er kontert – scharf:

„Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Sitzest du da, mich zu richten nach dem Gesetz, und lässt mich schlagen gegen das Gesetz?“
Apostelgeschichte 23,3

Das ist kein diplomatischer Ton. Paulus nennt die Heuchelei beim Namen. Er wirft dem Hohepriester vor, das Gesetz selbst zu brechen, während er vorgibt, es zu verteidigen. Eine getünchte Wand – außen heilig, innen hohl. Auch Jesus benutzte dieses Bild für religiöse Anführer, die Regeln hochhielten, aber die Liebe vergaßen.

Als Paulus erfährt, dass er den Hohepriester beschimpft hat, rudert er zurück – aber nicht aus Angst, sondern aus Respekt vor dem Amt. Und dann kommt ein Moment göttlicher Klarheit: Paulus schaut sich um und erkennt, dass der Rat gespalten ist – in Pharisäer und Sadduzäer.

„Ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern. Wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten werde ich gerichtet!“
Apostelgeschichte 23,6

Das ist kein Trick, sondern eine kluge Wahrheit. Paulus weiß: Der Glaube an die Auferstehung trennt die Lager. Und plötzlich streiten sich die Ankläger untereinander – über Theologie, über Weltbilder, über Wahrheit. Paulus wird zum Auslöser eines alten Konflikts – weil er an das glaubt, was viele längst aufgegeben haben: Dass Gott Tote auferweckt. Dass das Leben stärker ist als der Tod.

Der Tumult wird so heftig, dass die römischen Soldaten Paulus erneut in Sicherheit bringen müssen. Und in dieser Nacht, als alles tobt, als nichts sicher scheint, geschieht das Entscheidende – nicht vor Menschen, sondern im Stillen, im Herzen:

„In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu ihm und sprach: Sei getrost! Denn wie du in Jerusalem für mich Zeugnis abgelegt hast, so musst du auch in Rom Zeugnis ablegen.“
Apostelgeschichte 23,11

Jesus erscheint Paulus im Gefängnis, Sora, prompted by ChatGPT
Jesus erscheint Paulus im Gefängnis, Sora, prompted by ChatGPT

Was für ein Zuspruch. Kein Triumph. Kein Freispruch. Aber: „Sei getrost.“ Und das Versprechen: Du wirst weitergehen. Noch ist dein Weg nicht zu Ende. Rom wartet. Und dort – ja, auch dort wirst du reden. Weil das Evangelium kein Gefängnis kennt. Und weil Gott selbst dort auftaucht, wo wir am schwächsten sind.

Diese Szene zeigt: Manchmal ist ein Wort in Ketten stärker als hundert Predigten auf der Bühne. Weil es echt ist. Weil es Mut braucht. Und weil Gott selbst es trägt.


Herr, wir danken dir für deinen Trost in dunklen Nächten.

Hilf uns, zu reden – auch wenn es unbequem ist.

Lass uns ehrlich sein – nicht laut, aber klar.

Und sei bei uns, wenn wir das Gefühl haben, niemand hört uns.

Denn du bist da. Auch im Gefängnis. Auch im Streit. Auch in uns.

Amen!


Fortsetzung folgt in Folge 691: „Nächtliche Rettung“ – Eine fast vergessene Geschichte: Wie ein junger Verwandter von Paulus zum Lebensretter wird.

2 Kommentare

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