732 – Kreuzerhöhung: Ein katholisches Fest, ein evangelischer Auftrag

732 – Kreuzerhöhung: Ein katholisches Fest, ein evangelischer Auftrag

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Hörerinnen und Hörer, schön, dass Sie dabei sind – ganz gleich, ob Sie kirchlich zuhause sind oder einfach offen zuhören.

Der 14. September ist in der katholischen und in der orthodoxen Kirche das Fest der Kreuzerhöhung. Evangelische Gemeinden führen diesen Tag selten im Kalender, und doch liegt darin eine Chance: das Kreuz nicht als Abgrenzung zu verstehen, sondern als Einladung, die uns alle angeht – persönlich, gemeinschaftlich, ganz praktisch.

Grabeskirche in Jerusalem, Sora, prompted by ChatGPT
Grabeskirche in Jerusalem, Sora, prompted by ChatGPT

Historisch erinnert dieses Fest an Jerusalem: an die Weihe der Grabeskirche im 4. Jahrhundert und an die gesteigerte Aufmerksamkeit für das Zeichen des Kreuzes. Die katholische Tradition kennt dafür feierliche Gesten, Prozessionen, rote Paramente. Evangelisch sind wir weniger ritualstark, dafür wortstark – und gerade deshalb lohnt der Blick: Was bedeutet es, das Kreuz „zu erhöhen“, wenn man nicht mit Reliquien arbeitet? Vielleicht genau dies: dass das Kreuz sichtbar wird in unserem Reden und Handeln, in der Art, wie wir Konflikte austragen, wie wir Schuld benennen, wie wir vergeben und wie wir Unsichtbares ans Licht holen, damit Heilung eine Chance hat.

Wer an das Kreuz denkt, spürt die Spannung: Schmerz und Hoffnung, Niederlage und neues Leben. Das Kreuz ist nicht Schmuck, sondern Zeichen – nicht zum Wegschauen, sondern zum Hinsehen. Es ruft uns in Verantwortung. Evangelische Werte wie Schriftorientierung, Gnade, persönlicher Glaube und mündige Nachfolge sind damit nicht im Widerspruch, sondern mitten im Thema: Das Kreuz ist die Sprache Gottes, die uns frei macht, damit wir frei dienen.

Das Kreuz in einer modernen Welt, Sora, prompted by Michael VoĂź
Das Kreuz in einer modernen Welt, Sora, prompted by Michael VoĂź

Die Bibel setzt hier klare Marker. Paulus schreibt knapp und kräftig, dass die Logik Gottes oft der gängigen Logik widerspricht. Wo manche nur Schwäche sehen, zeigt Gott Kraft. Das Kreuz zerlegt frommen Stolz und baut eine neue Freiheit auf – nicht zur Beliebigkeit, sondern zur Liebe.

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“
1. Korinther 1,18

Das „Erhöhen“ des Kreuzes im katholischen Fest lenkt den Blick nach oben – nicht auf Glanz, sondern auf den, der dort hinging. Evangelisch gesprochen: Christus wird „erhöht“, damit wir auf ihn sehen und leben. Das erinnert an die Wüstengeschichte Israels und an Jesu Wort in einem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus. Der Blick rettet nicht, weil wir stark schauen, sondern weil der Gekreuzigte für uns da ist. Das Kreuz macht ernst mit Sünde und mit Gnade zugleich: Schuld ist nicht verharmlost, aber sie hat nicht das letzte Wort.

„Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“
Johannes 3,14–15

Wenn wir das Kreuz „erhöhen“, dann tragen wir es nicht als Trophäe vor uns her. Wir stellen uns unter seine Wahrheit. Paulus wählt dafür ein scharfes Wort: Rühmen. Nicht sich selbst rühmen, sondern das Kreuz – also die Liebe, die alles trägt, und die Wahrheit, die uns demütig macht. Evangelische Nüchternheit bekommt hier Profil: Wir verwechseln Kreuz nicht mit Kulturkampf, sondern lassen das Kreuz an uns arbeiten. Das beginnt im Kleinen: eine Entschuldigung, die nicht taktisch ist; eine Hilfe, die nicht rechnet; ein Gespräch, das nicht ausweicht. So wird das Fest einer Tradition zum Auftrag für den Alltag.

„Es sei aber fern von mir, mich zu rühmen als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“
Galater 6,14

Wer das Kreuz ernst nimmt, spielt nicht Leiden gegen Freude aus. Beides gehört hinein. Jesus ging den Weg bis zum Äußersten – und gerade dort setzt die Erhöhung Gottes ein. Das schließt unser Leben auf: Demut ist kein Kniefall vor Menschen, sondern die freie Haltung derer, die wissen, wem sie gehören. Aus dieser Freiheit wächst Verantwortung: für gerechte Strukturen, für offene Türen, für Menschen, die unter die Räder geraten. Der Blick ans Kreuz verhindert, dass wir uns selbst zum Maßstab machen.

„Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“
Philipper 2,8

Das Fest der Kreuzerhöhung sagt also: Schau hin – nicht weg. Heb das Kreuz hoch – nicht dich. Lass Christus groß werden – dann wirst du frei, klein zu sein, ohne klein gemacht zu werden. Katholisch gefeiert, evangelisch gelebt – so könnte man es zugespitzt sagen. Und weil das Kreuz kein Museumsstück ist, sondern eine lebendige Ansage Gottes, kitzelt es unsere Entscheidungen heraus. Wo sind wir eingeladen, neu anzufangen? Wo braucht es ein „Es tut mir leid“? Wo können wir heute, nicht morgen, jemandem beistehen? Wo sollen wir uns von Gott unterbrechen lassen, damit aus Härte wieder Herz wird?

Am Kreuz im Park, Sora, prompted by ChatGPT
Am Kreuz im Park, Sora, prompted by ChatGPT

Eine historische Notiz, die diese Spannung illustriert: Die alte Überlieferung erzählt von der Kaiserin Helena, die in Jerusalem das Kreuz Jesu gesucht und – so die Legende – gefunden haben soll. Diese Geschichte ist keine Pflicht für den Glauben; sie erinnert aber daran, dass Christen seit Jahrhunderten das Kreuz nicht vergessen wollten. Ob man die Legende mag oder nicht – der Kern bleibt: Das Kreuz gehört in die Mitte. Es ist die nüchterne und trostreiche Mitteilung Gottes, dass Liebe mehr aushält, als wir für möglich halten, und dass Gnade stärker ist als unser dunkelster Tag.

Versöhnung, Sora, prompted by ChatGPT
Versöhnung, Sora, prompted by ChatGPT

Damit das nicht hohe Worte bleiben, braucht es bodennahe Schritte. Vielleicht ist es heute schlicht eine Nachricht an jemanden, den wir gemieden haben. Ein Anruf, der Mut kostet. Ein Gebet für Menschen, die gerade schwer tragen. Ein Nein zu Spott und Zynismus, ein Ja zu fairer Rede. Ein stilles Danke, das wir Gott sagen, bevor der Tag losrollt. Der 14. September ist dann kein „katholischer Sonderling“, sondern ein Tag, an dem evangelisch geerdete Nachfolge sichtbar wird. Nicht mit Pomp, sondern mit Herz und Haltung.

„Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“
1. Korinther 1,18


Jesus Christus, wir sehen auf dein Kreuz.

Wir danken dir für deine Liebe, die trägt, auch wenn wir schwach sind.

Lass uns nicht das Eigene erhöhen, sondern dich.

Gib uns Mut zur Wahrheit, Geduld im Leiden, Freude am Dienen und Phantasie fĂĽr das Gute.

Mach unser Reden klar, unser Handeln fair und unsere Herzen weit.

Lass dein Kreuz in unserem Alltag sichtbar werden – ohne Show, aber mit Wirkung.

FĂĽhre uns in die Freiheit deiner Gnade, heute und morgen.

Amen!


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