Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Texte in der Bibel, die lesen sich wie ein politischer Kommentar. Hesekiel 29 ist so einer. Gott spricht durch den Propheten ein Gerichtswort gegen Ägypten. Und es klingt fast, als würde er heutige Machtfantasien zerlegen – samt Größenwahn, Selbstherrlichkeit und einem Gottkomplex.
Der König von Ägypten wird direkt angesprochen:
„Siehe, ich will an dich, Pharao, du König von Ägypten, du großer Drache, der du liegst mitten in deinem Nil und sprichst: »Mein Nil gehört mir, ich habe ihn mir gemacht.«“
Hesekiel 29,3
Der König als Krokodil. Ein selbstzufriedenes Monster im Fluss, das glaubt, die Kontrolle zu haben – über den Strom, über das Land, über alles. Hochmut ist keine moderne Erfindung. Schon damals bildeten sich Machthaber ein, sie seien unantastbar, als hätten sie sich selbst erschaffen. Gott kontert diese Arroganz mit einem drastischen Bild:
„Ich will dich mit Haken in deine Kinnbacken legen und will dich mit den Fischen deines Nils an deinen Schuppen herausziehen.“
Hesekiel 29,4
Ein gewaltiges Bild. Gott greift ein – direkt, entschlossen, entlarvend. Der Pharao wird mitsamt seiner ganzen Gefolgschaft – den „Fischen des Nils“ – aus dem Wasser gezogen und bleibt hilflos liegen. Ein Ende voller Machtverlust und Scham.
Was sagt das uns heute? Vielleicht mehr, als wir denken. Denn auch in unserem Alltag gibt es solche „Krokodile“: Menschen oder Systeme, die sich für allmächtig halten. Vielleicht sogar wir selbst, wenn wir meinen, alles allein zu schaffen. „Ich hab mir das verdient.“ „Ich bin mein eigener Herr.“ „Ich bin mein eigener Gott.“ Klingt übertrieben? Gar nicht so selten, wenn man mal ehrlich hinhört.
Gott erinnert in diesem Text daran, dass niemand über den Dingen steht. Dass alles, was wir haben – Macht, Geld, Einfluss, sogar Gesundheit – nicht uns gehört, sondern geliehen ist. Er nimmt es uns nicht, um uns zu quälen, sondern um uns zurück ins Leben zu rufen. Raus aus dem Größenwahn. Zurück auf den Boden. Zurück zu ihm.
Gott kündigt auch an, dass Ägypten für 40 Jahre entvölkert werden soll. Keine Supermacht mehr, sondern Wüste. Und dann? Wiederherstellung. Die Geschichte endet nicht im Ruin. Aber das Volk wird nicht mehr wie früher „über andere Völker herrschen“:
„Denn sie werden kein Königtum mehr sein über andere Völker und nicht mehr über sie herrschen, damit das Haus Israel sich nicht mehr auf sie verlässt.“
Hesekiel 29,15-16

Diese Warnung ist nicht nur für Ägypten gedacht, sondern auch für Israel – und für uns. Wer sich auf die falschen Helfer verlässt, läuft in die Irre. Gott will nicht, dass wir uns absichern mit fremden Mächten oder vertrauen auf die, die uns nur benutzen. Er will unser Vertrauen – direkt, ohne Umwege, ohne Ersatzgötter.
Der letzte Vers dieses Kapitels ist eine echte Überraschung. Er führt zurück zu einem anderen Land – Babylonien. Gott erklärt, dass der König von Babel für seinen Angriff auf Tyrus nichts als leere Hände bekommen hat. Aber dann sagt Gott:
„Darum will ich ihm Ägyptenland geben, dass er seinen Sold bekommt, weil sie für mich gearbeitet haben, spricht Gott der HERR.“
Hesekiel 29,20
Gott „bezahlt“ sogar heidnische Herrscher – weil sie, ohne es zu wissen, in seinem Plan mitgewirkt haben. Das ist fast schon skurril. Aber es zeigt etwas Tiefes: Gott behält die Kontrolle. Auch wenn Weltgeschichte chaotisch aussieht – er lenkt sie. Nichts geschieht ohne sein Wissen. Und niemand – wirklich niemand – steht über ihm.
Das Kapitel beginnt mit einem König, der sich für Gott hält, und endet mit einem König, der Gott dient, ohne es zu merken. Ein Bogen, der zeigt, wie Gottes Wege manchmal überraschend verlaufen. Aber sie führen immer zum Ziel: dass Menschen erkennen, wer wirklich Herr ist.

Und du? Wo bist du manchmal wie dieses Krokodil im Fluss? Wo denkst du: „Alles meins. Alles unter Kontrolle.“? Vielleicht ist heute ein guter Tag, um sich erinnern zu lassen: Der Nil gehört dir nicht. Aber Gott gehört dir – wenn du ihn lässt.
Herr, rette mich vor mir selbst.
Da, wo ich denke, ich hätte alles im Griff – erinnere mich an dich.
Mach mich frei von Stolz und schenke mir Vertrauen in deine Führung.
Dein Weg ist besser als mein eigener.
Amen!
