871 – Was würde Jesus an der Grenze erleben?

871 – Was würde Jesus an der Grenze erleben?

Jesus an den US-Grenzanlagen, Sora, prompted by ChatGPT
Jesus an den US-Grenzanlagen, Sora, prompted by ChatGPT

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörende,

stellen wir uns vor: Ein Mann aus dem Nahen Osten, ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, aber mit einer wachsenden Gruppe Anhänger. Seine Herkunft ist umstritten, seine Überzeugungen radikal, seine Reden unbequem. Er spricht von einem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Er kritisiert die religiösen Eliten, prangert soziale Ungerechtigkeit an und versammelt Außenseiter um sich. Was würde passieren, wenn dieser Mann heute, im Jahr 2026, an der Grenze der Vereinigten Staaten von Amerika steht und um Einlass bittet?

Würde Jesus aufgehalten werden? Durchleuchtet, verhört, abgewiesen? Würde man ihn festnehmen, weil seine Aussagen „destabilisierend“ wirken? Oder würde man ihm einfach keinen Glauben schenken, weil er in keine bekannte Kategorie passt? Diese Fragen drängen sich auf – besonders angesichts der Ereignisse, die dieses Wochenende in den USA bewegen.

„Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen.“
Matthäus 25,35

Proteste gegen die ICE-Kräfte, Sora, prompted by ChatGPT
Proteste gegen die ICE-Kräfte, Sora, prompted by ChatGPT

In den Vereinigten Staaten demonstrieren Menschen derzeit gegen Gewalt und Menschenrechtsverletzungen durch die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE („Immigration and Customs Enforcement“). Die Proteste – unter dem Namen „ICE Out“ – werden von verschiedenen Gruppen getragen. Sie rufen zum nationalen Streik auf, zur Arbeitsniederlegung, zum Schul- und Konsumboykott. Hintergrund der aktuellen Proteste sind zwei gravierende Vorfälle in Minneapolis, bei denen Bundesbeamte in diesem Januar zwei Menschen durch Schüsse getötet haben – die 37‑jährige Renée Nicole Good sowie den Intensivpfleger Alex Pretti. Diese Fälle haben in der Bevölkerung und über die Stadt hinaus Empörung ausgelöst, weil sie Fragen über Gewalt, Verantwortlichkeit und die Legitimität staatlicher Gewalt aufwerfen. Gerade in einer Demokratie, die Menschenrechte hochhält, stehen diese Ereignisse für Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit und Gerechtigkeit in eine Situation geraten sind, die bei vielen mehr Furcht als Vertrauen erzeugt.

ICE im Einsatz, Sora, prompted by ChatGPT
ICE im Einsatz, Sora, prompted by ChatGPT

Die Kritik richtet sich gegen Abschiebungen, willkürliche Gewalt, unzureichende Kontrolle und systemische Unterdrückung. Der Aufruf zum Streik ist ein Schrei nach Gerechtigkeit – und erinnert uns daran, dass Gerechtigkeit nicht abstrakt ist, sondern konkrete Gesichter hat. Familien, die getrennt werden. Kinder, die in Lagern auf ihre Eltern warten. Menschen, die auf der Flucht vor Gewalt erneut Gewalt erfahren – diesmal durch staatliche Strukturen.

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler! Denn ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite: das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben.“
Matthäus 23,23

Jesus war ein Fremder. Geboren fern der Heimat, auf der Flucht mit seinen Eltern vor staatlicher Gewalt. Schon als Kind ein Asylsuchender in Ägypten. Später ein Wanderprediger, der keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Wenn wir als Christen den Namen Jesu bekennen, dann bekennen wir damit auch den Namen eines Menschen, den moderne Grenzsysteme wohl kaum durchlassen würden.

Was also würde Jesus erleben an der Grenze der USA – oder Europas? Würde man ihn ernst nehmen, seine Geschichte hören, seine Stimme respektieren? Oder würde man ihn stigmatisieren, isolieren, abschieben?

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben.“
Sprüche 14,34

Diese Fragen sind unbequem – aber notwendig. Denn sie führen uns zurück zu einer zentralen Wahrheit des christlichen Glaubens: Wir werden nicht an unseren Dogmen gemessen, sondern an unserem Handeln. Wer dem Namen Jesu Ehre machen will, der muss bereit sein, seinen Blick auf die Leidenden zu richten – auf die, die durch Raster fallen, durch Mauern getrennt werden, durch Systeme beschädigt werden.

Natürlich ist Einwanderung komplex. Natürlich braucht es Regeln. Aber Regeln, die auf Angst statt auf Gerechtigkeit basieren, werden niemals Leben schützen, sondern es gefährden. Christen sind nicht berufen, sich in ideologische Grabenkämpfe zu stürzen. Aber sie sind berufen, für das einzustehen, was ihrem Herrn wichtig ist: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Glauben.

Die „ICE Out“-Proteste erinnern uns daran, dass es Menschen gibt, die diese Werte einfordern – nicht nur in Kirchen, sondern auf der Straße, mit Mut und Entschlossenheit. Vielleicht sind sie näher am Herzen Jesu, als viele Sonntagsreden. Vielleicht hören wir in ihren Rufen auch den Ruf Gottes: Tut etwas. Schweigt nicht. Seht hin.

„Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“
Matthäus 5,10

Wenn wir die Grenze betrachten – sei es eine nationale, eine rechtliche oder eine gesellschaftliche – dann sollten wir uns fragen: Wer steht draußen? Und warum? Und was ist unsere Aufgabe dabei?

Denn vielleicht steht Jesus tatsächlich genau dort – unerkannt, unbeachtet, aber nicht verlassen.

Ich war ein Fremder und du hast mich nicht willkommen geheißen, Sora, prompted by ChatGPT
Ich war ein Fremder und du hast mich nicht willkommen geheißen, Sora, prompted by ChatGPT

Herr Jesus Christus,
öffne uns die Augen für das Leid derer, die keinen Platz haben.
Erbarme dich derer, die unter Gewalt und Ungerechtigkeit leiden.
Gib uns den Mut, zu sprechen, wenn andere schweigen.
Lass uns nicht zufrieden sein mit einem Glauben, der keine Hände hat.
Zeig uns, was es heißt, für das Recht einzustehen, auch wenn es unbequem ist.
Segne die, die heute protestieren – und die, die zuhören.
Schenke uns Weisheit, Barmherzigkeit und einen unruhigen Geist,
der nicht aufhört zu fragen: Wo wärst du, Jesus?
Und was würdest du tun?

Amen!

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