
Seid herzlich gegrüßt, liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer,
manchmal begegnet uns in der Bibel eine Sprache, die hart und durchdringend ist. Hesekiel 28 ist so ein Kapitel. Es richtet sich ursprünglich gegen den Fürsten von Tyrus – aber es trifft uns alle, wenn wir genau hinhören. Denn es geht um den alten, gefährlichen Weg des Hochmuts.
„Du sprichst: ‚Ich bin ein Gott, ich sitze auf einem Götterthron mitten im Meer‘ – und bist doch nur ein Mensch und nicht Gott, dennoch gibst du dich aus für Gott.“
Hesekiel 28,2
Was für eine Anmaßung – und was für eine Entlarvung! Da ist ein Mensch, der sich selbst vergöttert. Der sich für unfehlbar hält, unantastbar, über allem. Und Gott sagt: Nein.
In einer Zeit, in der Selbstinszenierung fast schon zum guten Ton gehört, wirkt diese Warnung wie ein Spiegel. Es ist leicht, sich größer zu machen, als man ist – sei es durch Titel, Status, Reichtum, Followerzahlen oder durch moralische Überlegenheit. Aber Gott sieht das Herz. Er erkennt, wenn wir uns selbst an seine Stelle setzen.
Der Text aus Hesekiel spricht in Bildern voller Tiefe: von einem „Cherub mit ausgebreiteten, schützenden Flügeln“ – einem himmlischen Wesen, das in der Bibel oft als Wächter und Diener Gottes beschrieben wird –, von Schönheit und Weisheit – und vom Sturz aus dem Paradies.
„Du warst ein glänzender Cherub mit ausgebreiteten, schützenden Flügeln, und ich hatte dich gesetzt auf den heiligen Gottesberg; […] Vollkommen warst du in deinem Tun vom Tage deiner Schöpfung an, bis Missetat in dir gefunden wurde.“
Hesekiel 28,14-15
Manche Ausleger sehen in diesen Versen eine doppelte Bedeutung: Sie beziehen sich auf den König von Tyrus – und zugleich auf ein noch älteres Wesen, das sich gegen Gott erhob: Satan selbst. Ob menschlich oder übermenschlich – die Wurzel ist dieselbe: Hochmut.

Der Fürst von Tyrus war reich geworden durch Handel, weise in seinen Geschäften, geachtet in seiner Umgebung. Und das alles ließ ihn glauben, er sei mehr als nur ein Mensch. Vielleicht hat er sich sogar für unersetzlich gehalten. Doch Gott ruft ihn zurück auf den Boden der Tatsachen.
„Darum, so spricht Gott der HERR: Weil du dein Herz erhebt hast wie eines Gottes Herz, siehe, darum will ich Fremde über dich bringen, […] die werden dein Glanz herunterreißen.“
Hesekiel 28,6-7

Gott entlarvt den Schein. Er duldet nicht, dass sich jemand an seine Stelle setzt. Und das gilt nicht nur für Herrscher. Auch wir selbst sind herausgefordert, zu prüfen: Wo mache ich mich groß? Wo will ich glänzen? Wo verliere ich den Blick dafür, dass ich geschaffen – nicht Schöpfer bin?
Diese Verse sind unbequem. Aber sie sind notwendig. Denn sie rufen uns zurück in die Realität: Wir sind nicht Gott. Aber wir sind von ihm geliebt. Wir müssen nicht alles im Griff haben. Wir dürfen uns unter seine Hand stellen – das ist wahre Größe.
Jesus hat diesen Weg gezeigt: Er war wirklich Gott – und hat sich dennoch erniedrigt.
„Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst […] und ward gehorsam bis zum Tode.“
Philipper 2,6-8

Was für ein Gegensatz zum Fürsten von Tyrus! Wo jener sich erhöhte, ging Jesus hinab. Wo jener fiel, wurde Jesus erhöht.
„Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist.“
Philipper 2,9
Die Botschaft von Hesekiel 28 ist klar: Hochmut kommt vor dem Fall. Aber wer sich unter Gottes Hand beugt, wird nicht zerbrochen – sondern gehalten.
Herr, lehre uns, wie gut es ist, nicht alles sein zu müssen.
Bewahre uns vor dem Drang, uns selbst zu vergöttern.
Schenke uns das Herz Jesu – demütig, stark und gehorsam.
Lass uns erkennen, dass wahre Größe darin liegt, dir zu vertrauen.
Reiß unsere Masken nieder, aber halte uns in deiner Gnade.
Sei du unser Gott – und lehre uns, Menschen zu sein.
Amen!
