1046 – Hass trägt viele Gesichter

1046 – Hass trägt viele Gesichter

Gedenken, Gemini
Gedenken, Gemini

Schön, dass du dir an diesem schweren Morgen Zeit für diese Andacht nimmst.

Wer sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.
1. Johannes 2,9

Nach dem Anschlag im Umfeld des Christopher Street Days in Berlin bleiben Trauer, Entsetzen und viele offene Fragen. Ein Mensch wurde getötet, zahlreiche weitere wurden verletzt. Während die Ermittlungen laufen, werden in sozialen Netzwerken bereits Urteile gefällt, Gruppen beschuldigt und alte Feindbilder bedient.

Zwei Beiträge desselben Accounts zeigen, wie widersprüchlich das werden kann. In einem Beitrag werden Menschen beim CSD pauschal herabgewürdigt. Abwertende Begriffe machen aus einzelnen Menschen eine verachtete Gruppe. Wenige Stunden später verweist derselbe Account auf die Fahndung nach einem Tatverdächtigen und hebt dessen ausländische Herkunft hervor.


Original-Screenshot bei Threads, 25.07.26
Original-Screenshot bei Threads, 25.07.26
Original-Screenshot bei Threads, 26.07.26 (Der mutmaßliche Täter ist verstorben, die Fahndung läuft nicht mehr, deshalb ist das Gesicht unkenntlich gemacht worden.)
Original-Screenshot bei Threads, 26.07.26 (Der mutmaßliche Täter ist verstorben, die Fahndung läuft nicht mehr, deshalb ist das Gesicht unkenntlich gemacht worden.)

Doch die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen Deutschen und Ausländern. Sie verläuft nicht zwischen Kulturen, Parteien oder gesellschaftlichen Gruppen. Sie verläuft durch jedes menschliche Herz.

Hass braucht keine bestimmte Nationalität. Er kann in einem Menschen wachsen, der hier geboren wurde, und ebenso in einem Menschen, der aus einem anderen Land stammt. Er kann religiös, politisch oder gesellschaftlich begründet werden. Seine Sprache verändert sich, doch sein Ziel bleibt gleich: Der andere soll nicht mehr als Mitmensch gesehen werden.

Darum warnt die Bibel so eindringlich vor Hass. Sie behandelt ihn nicht wie eine harmlose Meinung. Hass verdunkelt den Blick. Er lässt uns nur noch Gruppen sehen, keine Menschen. Er macht aus Sprache eine Waffe und aus Verachtung irgendwann eine scheinbare Rechtfertigung für Gewalt.

Wer seinen Bruder hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.
1. Johannes 2,11

Das bedeutet nicht, dass jede harte Äußerung automatisch zu einer Gewalttat führt. Es bedeutet aber, dass Worte eine Richtung vorgeben. Wer Menschen fortwährend als minderwertig, gefährlich oder widerwärtig beschreibt, trägt dazu bei, dass ihre Würde aus dem Blick gerät.

Jesus widerspricht dieser Logik mit einer Forderung, die kaum radikaler sein könnte:

Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.
Matthäus 5,44

Jesus während der Bergpredigt, ChatGPT
Jesus während der Bergpredigt, ChatGPT

Jesus verlangt damit nicht, Gewalt zu dulden oder Schuld zu verschweigen. Opfer brauchen Schutz. Täter müssen Verantwortung übernehmen. Der Rechtsstaat muss ermitteln und gerecht handeln. Liebe bedeutet nicht, das Böse schönzureden.

Liebe bedeutet, dem Bösen nicht zu erlauben, auch das eigene Herz zu vergiften.

Es ist leicht, den Hass des anderen zu erkennen. Schwerer ist es, die eigene Verachtung wahrzunehmen. Vielleicht verurteilen wir Gewalt und benutzen gleichzeitig Worte, die ganze Gruppen entmenschlichen. Vielleicht fordern wir Respekt für uns selbst, während wir anderen ihre Würde absprechen.

Gut überlegen, was man teilt, Gemini
Gut überlegen, was man teilt, Gemini

Johannes schreibt dazu unmissverständlich:

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner.
1. Johannes 4,20

Die Liebe Jesu ist nicht gefühlsduselig. Sie ist mutig. Sie nennt Hass „Hass“ – auch dann, wenn er aus den eigenen Reihen kommt. Sie widerspricht Menschenfeindlichkeit, ohne selbst menschenfeindlich zu werden. Sie trauert mit den Opfern, verlangt Gerechtigkeit und weigert sich dennoch, Herkunft oder Zugehörigkeit zum Urteil über einen ganzen Menschenkreis zu machen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21

Vielleicht ist das heute unser Auftrag: nicht jedes vorschnelle Urteil weiterzugeben, keine pauschale Verachtung zu teilen und den Menschen hinter einem Etikett nicht zu vergessen. Wir dürfen klar widersprechen, ohne selbst zu hassen. Wir dürfen Gerechtigkeit fordern, ohne ganze Gruppen anzuklagen. Wir dürfen trauern und zugleich daran festhalten, dass die Liebe Christi stärker ist als jede Ideologie der Verachtung.

Bringen wir deshalb unsere Trauer, unsere Wut und auch unsere eigenen dunklen Gedanken vor Jesus.

Jesus, vor dir stehen wir mit unserer Trauer,
mit unserer Wut und unseren offenen Fragen.
Du siehst die Getöteten und Verletzten,
ihre Angehörigen und alle, die um sie bangen.

Tröste, wo Worte nicht mehr reichen.
Heile Körper und verwundete Seelen.
Schenke den Ermittlern Weisheit
und lass Wahrheit und Gerechtigkeit ans Licht kommen.

Bewahre mein Herz vor Hass.
Zeige mir, wo ich Menschen vorschnell verurteile,
wo meine Worte verletzen
und wo ich anderen ihre Würde abspreche.

Lehre mich, dem Bösen klar zu widersprechen,
ohne selbst vom Bösen bestimmt zu werden.
Gib mir Mut zur Wahrheit
und ein Herz, das trotzdem lieben kann.

Lass mich nicht nach Herkunft sortieren,
nicht nach Gruppen und nicht nach Etiketten.
Lass mich in jedem Menschen
dein Geschöpf erkennen.

Mach mich zu einem Friedensstifter.
Wo Verachtung laut wird,
lass mich menschlich bleiben.
Wo Hass Menschen trennt,
lass deine Liebe durch mich sichtbar werden.

Jesus, überwinde das Böse in unserer Welt
und beginne damit auch in mir.
Amen.

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