Liebe Leserinnen und liebe Leser, liebe Hörerinnen und liebe Hörer,
der 27. November ist einer dieser Tage, an denen plötzlich bewusst wird: Das Jahr ist fast herum. Wir schauen auf Wochen und Monate zurück, in denen manches leicht war und anderes schwer. Und gerade jetzt, so kurz vor Advent und Weihnachten, öffnet sich eine besondere Chance: Dankbarkeit zu entdecken – und Verantwortung neu anzunehmen.
Zwei Bibelstellen können uns dabei begleiten. Die erste führt uns mitten hinein in das Herz des Glaubens, denn sie spricht von Erinnerung und Vertrauen:
„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Psalm 103,2

Dieser Satz wirkt wie ein Aufruf an unser Inneres: Halte für einen Moment die Zeit an. Atme durch. Sieh, was war. Der Vers fordert uns nicht dazu auf, alles schönzureden. Er ruft uns vielmehr zu: Vergiss nicht, was Gott dir an Gutem geschenkt hat – selbst wenn das Jahr Ecken und Kanten hatte. Dankbarkeit heißt nicht, dass alles problemlos war. Dankbarkeit heißt, das Licht nicht zu übersehen, nur weil es auch Schatten gab.

Der zweite Bibelabschnitt führt das weiter. Er verbindet Rückblick, Gegenwart und Zukunft, und er spricht mit einer überraschenden Leichtigkeit:
„Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allem; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“
1. Thessalonicher 5,16–18
Diese Worte klingen fast herausfordernd, vielleicht sogar ein wenig frech. Wie soll man „allezeit fröhlich“ sein? Wer schafft es, „in allem dankbar“ zu bleiben? Doch beim genaueren Hinhören zeigt sich: Das ist kein Leistungsprogramm. Es ist eine Einladung. Gott möchte uns in eine Haltung führen, die unser Herz gesund macht. Fröhlichkeit als Grundton. Gebet als Atemzug. Dankbarkeit als Blickrichtung.
Beim Rückblick auf das Jahr lohnt es sich, ein paar ehrliche Fragen zu stellen: Was hat mein Herz getragen? Worüber habe ich mich gefreut – vielleicht sogar mehr, als ich erwartet hätte? Welche Begegnung, welche Überraschung, welche kleine Rettung im Alltag war ein Geschenk?
Manchmal sind es unscheinbare Dinge: Ein Gespräch, das nicht abriss. Ein Morgen, an dem neue Kraft da war. Ein Problem, das sich langsam löste. Es gibt eine Geschichte, die ich einmal in einem Interview im Deutschlandfunk gehört habe: Eine ältere Frau erzählte, wie sie jeden Abend drei kleine Dinge notiert, für die sie dankbar ist. Manchmal stand dort nur: „Der Tee hat gut getan.“ Aber sie sagte: „Seit ich das mache, sehe ich das Leben mit anderen Augen.“ (Quelle: Interviewrubrik „Tag für Tag“, Deutschlandfunk, 2021)
Dankbarkeit macht unser Herz wach. Sie verhindert, dass wir uns im Stress der dunklen Jahreszeit verlieren. Und genau hier setzt der zweite Teil dieser Andacht an: Dankbarkeit führt zu Verantwortung.
Denn wer erkennt, was er empfangen hat, fragt leichter: Was kann ich weitergeben? Wem kann ich ein Licht sein? Wie kann ich meine Zeit so nutzen, dass andere aufatmen können?
Verantwortung ist kein bleiernes Wort. Sie bedeutet: Mein Leben hat Wirkung. Vielleicht rufst du jemanden an, der schon lange auf ein Zeichen wartet. Vielleicht klärst du eine Sache, die das Gewissen schon zu lange beschäftigt. Vielleicht setzt du einen kleinen Neuanfang – und plötzlich wird etwas möglich, das du nicht mehr für möglich gehalten hast.

Dankbarkeit richtet den Blick zurück. Verantwortung richtet den Blick nach vorn. Beides zusammen macht den Weg frei – für einen guten Abschluss dieses Jahres und für einen guten Start in das nächste.
Gott,
ich danke Dir für alles Gute, das ich in diesem Jahr erleben durfte.
Bitte öffne mein Herz, damit ich das Geschenk der Dankbarkeit erkenne und lebe.
Gib mir Mut, Verantwortung zu übernehmen – in Worten, Taten und Entscheidungen.
Segne die kommenden Wochen und lass mich ein Licht für andere sein.
Amen!
