808 – Zuhause ist, wo Gott ist

808 – Zuhause ist, wo Gott ist

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörende,

vielleicht kennt ihr dieses Gefühl: Man ist unterwegs, viel los, fremde Orte, fremde Menschen – und plötzlich überkommt einen diese stille Sehnsucht nach einem ganz bestimmten Ort. Nicht unbedingt nach der Wohnung oder dem eigenen Bett, sondern nach einem Platz, wo man durchatmen kann. Wo man sein darf, wie man ist. Wo man sich nicht erklären muss. Kurz gesagt: nach Zuhause.

Genau dieses Gefühl schwingt in der heutigen Losung mit. Sie stammt aus dem Psalm 84,11:

„Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.“

Das ist die Sprache eines Menschen, der tief bewegt ist. Der weiß, was er an Gottes Nähe hat. Die „Vorhöfe“ sind der äußere Bereich des Tempels in Jerusalem – der Ort, wo man sich Gott besonders nah wusste. Für den Psalmbeter ist es mehr wert, einen einzigen Tag dort zu verbringen, als tausend Tage irgendwo sonst. Warum? Weil er spürt: Dort ist nicht nur ein heiliger Ort – dort ist Heimat. Da ist Sinn. Da ist Leben.

Lesestunde, Sora, prompted by ChatGPT
Lesestunde, Sora, prompted by ChatGPT

Solche Worte sind kein Zufall. Sie gehören zur Tradition der Herrnhuter Brüdergemeine, einer evangelischen Gemeinschaft mit Wurzeln im 18. Jahrhundert. Seit 1731 gibt sie täglich eine sogenannte „Losung“ heraus – ein kurzer Vers aus dem Alten Testament, kombiniert mit einem Lehrtext aus dem Neuen Testament. Millionen Menschen auf der ganzen Welt lassen sich davon begleiten. In Notizbüchern, Kalender-Apps, auf Kaffeetassen – überall tauchen diese Verse auf. Unaufdringlich. Aber tief.

Der Lehrtext für heute knüpft eindrucksvoll an den Psalm an. Er steht in Lukas 2,49:

„Jesus sagte zu seinen Eltern: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“

Diese Worte stammen von einem zwölfjährigen Jungen. Jesus ist mit seinen Eltern zum Passafest nach Jerusalem gereist, bleibt aber nach dem Fest einfach im Tempel – allein. Als Maria und Josef ihn finden, wundern sie sich, ja, sie sind aufgewühlt. Und Jesus antwortet nicht etwa trotzig, sondern schlicht: „Ich muss doch im Haus meines Vaters sein.“

Nachdenklicher Jesus im Tempel, Sora, prompted by ChatGPT
Nachdenklicher Jesus im Tempel, Sora, prompted by ChatGPT

Mit dieser Antwort zeigt Jesus: Hier bin ich richtig. Hier gehöre ich hin. Er nennt den Tempel nicht einfach „Haus Gottes“, sondern „Haus meines Vaters“. Diese Beziehung ist keine fromme Idee, sondern gelebte Realität. Gott ist nicht fern, nicht abstrakt – er ist Vater. Und Jesus ist zuhause bei ihm.

Was wäre, wenn wir unseren Alltag auch unter diesem Blickwinkel sehen würden? Wenn wir wüssten: In Gottes Nähe bin ich zuhause. Dann wäre Gebet kein Pflichtprogramm. Dann wäre Bibellesen keine To-do-Liste. Dann wäre Gottesdienst kein Termin, sondern eine Einladung. Eine Heimkehr.

Ich habe einmal von einer Frau gelesen, die jeden Tag morgens auf ihrer Parkbank saß, bevor sie zur Arbeit ging. Eine Viertelstunde, bei Wind und Wetter. Kein Handy, keine Zeitung. Nur sie, die Stille – und manchmal ein Psalm. Auf die Frage, warum sie das mache, antwortete sie: „Das ist mein Ort mit Gott. Da bin ich zuhause.“

Stille im Morgennebel, Sora, prompted by ChatGPT
Stille im Morgennebel, Sora, prompted by ChatGPT

Vielleicht ist das die Aufgabe des heutigen Tages: sich fragen, wo mein „Vorhof“ ist. Mein stiller Platz. Mein Ort mit Gott. Vielleicht ist es ein Spaziergang. Vielleicht ein Moment beim Zähneputzen. Vielleicht das kurze Gebet vor dem Einschlafen. Es geht nicht um Leistung. Es geht um Beziehung. Um Nähe. Um Zuhause.

Und manchmal reicht schon ein Tag. Ein einziger Tag in Gottes Nähe – besser als tausend ohne ihn.


Vater im Himmel,

du bist mein Zuhause.

Hilf mir, deinen Vorhof auch in meinem Alltag zu finden.

Zeige mir die Orte und Momente, in denen du mir begegnen willst.

Und wenn ich dich mal suche – erinnere mich daran, dass du längst auf mich wartest.

Amen!


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