
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer,
es ist ein starker und mutiger Satz, den die Evangelische Kirche im Rheinland dieser Tage formuliert hat: Christlicher Nationalismus ist ein Missbrauch des Glaubens. Punkt. Kein „aber“, kein „kommt drauf an“. Einfach: Missbrauch.
Der Präses Thorsten Latzel hat es noch klarer benannt: Wenn sich Menschen wie Donald Trump oder Patriarch Kyrill als Retterfiguren inszenieren und dabei Gott ins Spiel bringen, dann werden Bibel und Glaube missbraucht für Macht, Gewalt und Ausgrenzung.
Was sagt Jesus dazu? Ein Blick in das Matthäusevangelium bringt Licht ins Dunkel:
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Johannes 18,36

Jesus antwortet damit auf die Frage, ob er ein politischer König sei. Er macht klar: Sein Reich funktioniert anders. Nicht durch Gewalt, nicht durch Nationalstolz, nicht durch die Abgrenzung gegenüber anderen Völkern oder Religionen. Sondern durch Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit.
Der Apostel Paulus warnt in seinen Briefen mehrfach vor einem Glauben, der sich über andere erhebt. Im Römerbrief schreibt er:
„Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den niedrigen.“
Römer 12,16
Paulus setzt damit ein klares Zeichen gegen religiöse Überheblichkeit. Er fordert Bescheidenheit – und ein Miteinander, das sich nicht in Macht und Nationalstolz verliert, sondern auf den Nächsten schaut, gerade auf den Schwächeren.
Wie problematisch wird es, wenn sich politische Bewegungen – egal ob in den USA, Russland oder auch hier in Deutschland – mit einem christlichen Anstrich versehen, um ihr ideologisches Programm zu rechtfertigen? Wenn biblische Begriffe instrumentalisiert werden, um Ausgrenzung zu rechtfertigen oder Angst zu schüren? Einige Stimmen im Netz – darunter auch einzelne christliche Influencer – bedienen sich dabei gezielt religiöser Sprache, um Abgrenzung zu rechtfertigen. Das bleibt nicht ohne Wirkung, vor allem in sozialen Medien. Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen: Wird hier vom Glauben gesprochen – oder mit dem Glauben Stimmung gemacht?
Jesus selbst hat Menschen gesehen, die andere übersehen haben. Er hat mit ihnen gesprochen, sie geheilt, ihnen Würde gegeben. Er hat Glauben niemals als Waffe gebraucht – sondern als Brücke zur Versöhnung. Wer sich auf ihn beruft, sollte sich genau daran erinnern.

Ein weiteres Jesus-Wort bringt das auf den Punkt:
„Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Matthäus 5,9
Das ist der Maßstab. Wer sich Christ nennt, muss sich fragen lassen: Stiftest du Frieden? Oder spaltende Botschaften? Suchst du die Wahrheit? Oder bedienst du ein System von Angst und Macht?
Besonders bitter ist es, wenn Menschen, die mit dem Kreuz auf der Brust durch Talkshows oder Parlamente marschieren, von einem „christlichen Abendland“ sprechen, aber den Geist von Jesus völlig ignorieren.
Wenn das Kreuz zur politischen Waffe wird, dann ist es nicht mehr das Kreuz Christi. Dann ist es nur noch Requisite. Und das ist eine Lüge.
Darum ist es so wichtig, dass Kirchen ihre Stimme erheben. Dass sie sich nicht verstecken hinter neutralen Phrasen, sondern klar sagen: Das ist nicht Christus. Das ist nicht unser Glaube. Und wir machen da nicht mit.
Christlicher Glaube ist kein Nationalprogramm. Er ist keine Abgrenzung gegen „die anderen“. Er ist eine Einladung an alle Menschen, Teil von Gottes großer Versöhnung zu werden. Ohne Ausweise. Ohne Abgrenzung. Aber mit klarer Haltung.

Denn am Ende bleibt: Wer sich auf Jesus beruft, ohne seine Haltung zu leben, hat ihn nicht verstanden.
Herr Jesus Christus,
du hast keine Grenzen gezogen – außer dort, wo Hass und Gewalt beginnen.
Hilf uns, dich nicht für unsere Zwecke zu benutzen,
sondern dir wirklich nachzufolgen – in Liebe, Wahrheit und Mut.
Schenke uns die Kraft, gegen religiösen Missbrauch aufzustehen.
Und deinen Namen nicht in den Dienst von Lüge und Macht zu stellen.
Amen!
