
Guten Morgen an alle, die heute zuhören oder mitlesen – ganz gleich, ob Sie sich dem christlichen Glauben verbunden fühlen oder einfach einen Moment zum Innehalten suchen.
Der 27. Februar erinnert an ein Ereignis, das sich tief in die deutsche Geschichte eingebrannt hat: den Brand des Reichstags im Jahr 1933. In jener Nacht stand nicht nur ein Gebäude in Flammen. Es war der Beginn einer Entwicklung, in der Angst gezielt genutzt wurde, um Freiheit einzuschränken. Innerhalb weniger Wochen wurden Grundrechte außer Kraft gesetzt. Viele Menschen schwiegen – aus Unsicherheit, aus Zustimmung oder aus Furcht.
Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Und doch kennen wir das Muster: Wenn Angst groß wird, schrumpft oft die Freiheit. Wenn Bedrohungen ständig beschworen werden, wächst Misstrauen. Auch heute erleben wir in Deutschland, wie mit Sorgen und Befürchtungen Wahlkampf gemacht wird. Manche Akteure zeichnen düstere Bilder, vereinfachen komplexe Fragen und stellen „die anderen“ als Gefahr dar. Angst mobilisiert. Angst bindet. Angst verschiebt Grenzen.

Die Bibel ist erstaunlich nüchtern, wenn es um Angst geht. Sie verharmlost sie nicht. Aber sie überlässt ihr auch nicht das letzte Wort.
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
2. Timotheus 1,7
Furcht ist real. Doch sie ist nicht der Geist, der unser Denken und Handeln bestimmen soll. Kraft. Liebe. Besonnenheit. Das sind starke Worte. Kraft heißt: Ich muss nicht ohnmächtig reagieren. Liebe heißt: Ich sehe im anderen zuerst einen Menschen, nicht eine Bedrohung. Besonnenheit heißt: Ich prüfe, ich denke nach, ich lasse mich nicht treiben.
Als der Reichstag brannte, war die Verunsicherung riesig. Viele wollten einfach nur Sicherheit. Und wer Sicherheit verspricht, bekommt schnell Zustimmung – selbst wenn der Preis hoch ist. Freiheit ist zerbrechlich. Sie stirbt selten mit einem lauten Knall. Oft wird sie Schritt für Schritt eingeschränkt, während man uns sagt, es diene unserem Schutz.
Jesus verbindet Wahrheit und Freiheit auf eine bemerkenswerte Weise:
„…und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Johannes 8,32 (LUT)
Wahrheit macht frei – nicht Angst. Wahrheit braucht Zeit, Geduld, sorgfältiges Hinsehen. Sie hält Spannungen aus. Sie lässt sich nicht in Schlagworte pressen. Wer sich an der Wahrheit orientiert, wird nicht jedem lauten Ruf folgen. Er wird prüfen, vergleichen, hinterfragen – auch die eigene Haltung.

Das ist gerade in Wahlzeiten entscheidend. Christlicher Glaube schreibt niemandem vor, welche Partei zu wählen ist. Aber er ruft dazu auf, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung heißt auch: Ich lasse mich nicht manipulieren. Ich frage: Wer profitiert davon, wenn ich Angst habe? Wem nützt es, wenn Misstrauen wächst? Und was geschieht mit unserem Miteinander, wenn wir einander vor allem als Risiko wahrnehmen?
Ein Psalm gibt eine schlichte, aber kraftvolle Antwort:
„Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.“
Psalm 56,4
Hoffnung ist kein Wegsehen. Sie ist eine bewusste Entscheidung. Sie sagt: Meine Angst darf da sein, aber sie darf mich nicht beherrschen. Ich setze mein Vertrauen nicht auf Parolen, nicht auf starke Worte, nicht auf einfache Lösungen – sondern auf Gott, der größer ist als jede Krise.
Vielleicht ist das die geistliche Herausforderung dieser Tage: aufmerksam bleiben, ohne misstrauisch zu verbittern. Klar Stellung beziehen, ohne andere abzuwerten. Sorgen ernst nehmen, ohne sie zum politischen Treibstoff werden zu lassen.
Angst verengt den Blick. Liebe weitet ihn. Angst sucht Schuldige. Liebe sucht Wege. Angst schreit. Liebe hört zu. Wenn wir als Gesellschaft bestehen wollen, brauchen wir mehr als Sicherheitsversprechen. Wir brauchen Charakter. Und wir brauchen Menschen, die sich nicht vom Geist der Furcht leiten lassen.

Heute, am 27. Februar, lohnt sich ein stiller Moment der Selbstprüfung: Wo lasse ich mich von Angst treiben? Und wo könnte Gott mir Kraft, Liebe und Besonnenheit schenken?
Gott, du kennst unsere Sorgen um die Zukunft.
Du siehst, wie schnell Angst unser Denken bestimmt.
Schenke uns Kraft, wo wir uns ohnmächtig fühlen.
Schenke uns Liebe, wo Misstrauen wächst.
Schenke uns Besonnenheit, wenn laute Stimmen uns verunsichern.
Bewahre unser Land vor Hass und Spaltung.
Lehre uns, in Freiheit und Verantwortung zu leben.
Amen!
