
Schön, dass du dir heute ein paar Minuten für diese Andacht nimmst.
Der Spätsommer hat seine eigene Sprache. Auf vielen Feldern ist die Ernte eingebracht, Obst hängt reif an den Bäumen, in Weinregionen beginnt oder nähert sich die Lese. Es ist die Zeit, in der sichtbar wird, was gewachsen ist.
Mitten in die Erntezeit hinein steht in der Bibel eine erstaunliche Anweisung:
Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott.
3. Mose 19,9–10
Das klingt zunächst wie eine landwirtschaftliche Vorschrift aus einer fernen Zeit. Doch dahinter steckt ein bemerkenswerter Gedanke: Wer genug hat, soll nicht versuchen, auch noch den letzten Rest für sich herauszuholen.

Die Ränder bleiben stehen. Die heruntergefallenen Trauben bleiben liegen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern mit Absicht.
Denn dort darf ein anderer etwas finden.
Gott baut Großzügigkeit direkt in die Ernte ein. Der Arme und der Fremde sollen nicht nur darauf hoffen müssen, dass irgendwann jemand Mitleid bekommt. Für sie wird von Anfang an Platz gelassen.
Das stellt eine Frage an unser eigenes Leben: Muss wirklich alles, was ich bekommen kann, auch mir gehören?

Vielleicht besteht Großzügigkeit manchmal darin, einen Teil meiner Zeit nicht vollständig zu verplanen. Vielleicht kann ich Wissen teilen, statt daraus einen persönlichen Vorteil zu machen. Vielleicht habe ich Geld, Aufmerksamkeit, Kontakte oder Möglichkeiten, von denen auch jemand anderes profitieren könnte.
Jesus führt diesen Gedanken noch näher an unser Herz:
Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Matthäus 25,40
Jesus lenkt unseren Blick auf Menschen, die leicht am Rand landen. Er macht deutlich, dass unser Umgang mit ihnen etwas mit unserem Verhältnis zu ihm zu tun hat.
Vielleicht ist das eine passende Lektion des Spätsommers: Reife zeigt sich nicht nur daran, was du erntest. Sie zeigt sich auch daran, was du anderen lässt.

Ein Leben mit Jesus muss nicht jeden Vorteil ausschöpfen. Es darf offene Ränder haben: Zeit für jemanden, der reden muss. Einen Platz am Tisch. Eine helfende Hand. Einen Betrag, den du entbehren kannst. Aufmerksamkeit für einen Menschen, an dem andere vorbeigehen.
Du musst nicht erst großen Überfluss besitzen, um großzügig zu leben. Manchmal genügt ein kleiner Rand, den du nicht für dich beanspruchst.
Jesus, zeig mir, wo mein Leben zu voll mit mir selbst geworden ist.
Lehre mich, nicht alles festzuhalten, was ich haben könnte. Gib mir ein Herz, das bemerkt, wenn ein anderer etwas braucht, das ich geben kann.
Öffne meine Hände für Menschen, die übersehen werden. Lass mich Zeit teilen, Möglichkeiten teilen, Aufmerksamkeit teilen und von dem weitergeben, was du mir anvertraut hast.
Ich möchte nicht nur sammeln. Ich möchte so leben, dass neben mir Raum bleibt und durch mich etwas von deiner Liebe bei anderen ankommt.
Jesus, mach mein Herz weit. Lass an meinen Rändern etwas übrig für den Menschen, der es heute braucht.
Amen.
