
Danke, dass du dir heute Zeit für diese Andacht nimmst.
„David sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, denn ich will Barmherzigkeit an dir tun um deines Vaters Jonatan willen und will dir das ganze Ackerland deines Vaters Saul zurückgeben; du aber sollst täglich an meinem Tisch essen.“
2. Samuel 9,7
Ein Bote kommt nach Lo-Dabar. Er sucht einen Mann namens Mefi-Boschet.
Und für den dürfte das zunächst keine gute Nachricht gewesen sein.
Mefi-Boschet ist ein Enkel des früheren Königs Saul. Sein Vater Jonatan war Davids engster Freund. Doch Saul hatte David verfolgt und töten wollen. Inzwischen ist Saul tot. Jonatan ebenfalls. David sitzt auf dem Thron.
Mefi-Boschet lebt weit weg vom königlichen Hof. Seit einem Unfall in seiner Kindheit kann er nicht richtig gehen.
Dann lässt ausgerechnet König David ihn holen.
Man kann sich vorstellen, welche Gedanken Mefi-Boschet auf dem Weg nach Jerusalem begleiten. Warum will der König mich sehen? Will David die letzte Verbindung zur Familie Sauls beseitigen?
Schließlich steht er vor David.
Oder genauer: Er wirft sich vor ihm zu Boden.

Jetzt könnte alles passieren.
Doch David sagt als Erstes:
Fürchte dich nicht.
Dann folgt keine Anklage.
David gibt Mefi-Boschet den Landbesitz seiner Familie zurück. Und noch erstaunlicher: Von jetzt an soll er jeden Tag am Tisch des Königs essen.

Nicht einmal.
Nicht als Gast für einen besonderen Abend.
Jeden Tag.
Die Geschichte endet mit einem fast unscheinbaren Satz: Mefi-Boschet wohnt fortan in Jerusalem und isst täglich am Tisch des Königs.
Das ist ein gewaltiger Wechsel.
Er kommt mit Angst in den Palast und erhält einen festen Platz.
Er erwartet möglicherweise ein Urteil und erlebt Barmherzigkeit.
Er bezeichnet sich selbst sogar als „toten Hund“. David aber behandelt ihn wie einen Sohn.
Vielleicht berührt diese Geschichte deshalb so stark, weil viele Menschen mit einer ähnlichen inneren Frage leben: Habe ich wirklich einen Platz?
Nicht nur einen Stuhl im Büro, in der Familie oder in einer Gemeinde. Sondern einen Platz, an dem ich nicht erst beweisen muss, dass ich bleiben darf.

Bei Jesus begegnet uns genau diese offene Tür immer wieder. Menschen, die andere aussortiert haben, sitzen plötzlich mit ihm am Tisch. Zöllner. Sünder. Menschen mit beschädigter Vergangenheit. Menschen, deren Ruf längst feststand.
Jesus wartet nicht darauf, dass sie sich erst einen Platz verdienen.
Er ruft sie zu sich.
Und darin steckt auch das Herz des Evangeliums: Wir kommen nicht zu Jesus, weil unsere Lebensgeschichte makellos wäre. Wir kommen mit unseren Brüchen, unserer Schuld, unserer Angst und allem, was wir lieber verbergen würden.
Und Christus sagt nicht: Beweise mir erst, dass du hierhergehörst.
Er lädt ein.
Vielleicht fühlst du dich manchmal wie jemand, der nur geduldet wird. Vielleicht vergleichst du dich und denkst, andere hätten mehr vorzuweisen. Vielleicht trägst du etwas aus deiner Vergangenheit mit dir herum und glaubst, es entscheide darüber, welchen Platz du heute verdient hast.
Dann stell dir Mefi-Boschet vor.
Er sitzt am königlichen Tisch.
Seine Geschichte ist sichtbar. Seine Einschränkung ist nicht verschwunden. Aber sie entscheidet nicht darüber, ob er dazugehört.
Der König hat ihm einen Platz gegeben.
Und wenn Jesus dich an seinen Tisch ruft, musst du nicht unter dem Tisch verschwinden.
Du darfst bleiben.
Jesus Christus, ich komme zu dir mit allem, was zu mir gehört. Mit dem, worauf ich stolz bin, und mit dem, was ich am liebsten verstecken würde.
Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich genüge. Ob ich dazugehören darf. Ob meine Fehler, meine Verletzungen oder meine Vergangenheit irgendwann gegen mich sprechen.
Dann lass mich deine Einladung hören: Fürchte dich nicht.
Danke, dass ich mir deinen Tisch nicht verdienen muss. Danke, dass du mich nicht nach meiner Fassade beurteilst und mich nicht auf meine schwächsten Stellen reduzierst.
Gib mir die Freiheit, meinen Platz bei dir anzunehmen. Nicht als jemand, der sich heimlich hineingeschlichen hat, sondern als Mensch, den du gerufen hast.
Und öffne meine Augen für Menschen, die selbst am Rand stehen. Mach meinen Tisch weiter, mein Herz offener und meine Urteile leiser.
Jesus, wenn ich wieder glaube, ich müsste erst ein anderer Mensch werden, bevor ich zu dir kommen darf, erinnere mich daran: Du hast mich längst gerufen.
Bei dir darf ich bleiben.
Amen.
