
Guten Morgen an alle, die heute mitlesen oder mithören – unabhängig davon, ob der Glaube für dich vertraut ist oder eher eine offene Frage.
Dieser neue Tag führt uns in eine Zeit, in der viele Menschen auf etwas warteten, ohne genau zu wissen, wie es aussehen würde. Seit Generationen war im jüdischen Volk angekündigt worden, dass Gott selbst eingreifen, einen Retter senden und die Geschichte neu ausrichten würde. Diese Erwartung lag in der Luft. Und nun spielt die Szene nicht in einem Tempel, nicht in einem Palast, sondern draußen, fernab der Machtzentren – dort, wo Menschen offen waren für Veränderung.
Johannes der Täufer steht plötzlich im Mittelpunkt. Er lebt asketisch, predigt Umkehr und tauft Menschen im Jordan – ein starkes Zeichen für einen neuen Anfang. Viele fragen sich: Ist er der verheißene Messias? Oder Elia, der große Prophet aus dem Alten Testament, von dem es hieß, er werde vor dem Eingreifen Gottes zurückkehren? Vielleicht sogar der angekündigte Prophet, der Gottes Willen endgültig erklären sollte? Deshalb schicken die religiösen Führer Abgesandte aus Jerusalem. Sie wollen wissen, wer dieser Mann ist – und ob mit ihm die alten Verheißungen Wirklichkeit werden. Wer bist du? Was bedeutet dein Auftreten? Und was hat das mit Jesus Christus zu tun, von dem Johannes bald sprechen wird?
„Und dies ist das Zeugnis Johannes’, als die Juden von Jerusalem Priester und Leviten zu ihm sandten, dass sie ihn fragten: Wer bist du?“
Johannes 1,19
Johannes antwortet nicht ausweichend, aber auch nicht werbend. Er macht sich nicht größer, als er ist. Kein Titel, kein Anspruch. Stattdessen eine Klarheit, die entlastet: Er ist nicht der Messias. Nicht Elia. Nicht der Prophet. Er ist eine Stimme.
„Er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus.“
Johannes 1,20
Diese Haltung ist ungewöhnlich. In einer Zeit, in der Selbstdarstellung belohnt wird, verzichtet Johannes auf jedes Rampenlicht. Er weiß: Seine Aufgabe besteht nicht darin, Menschen an sich zu binden, sondern ihren Blick weiterzuleiten. Weg von ihm – hin zu einem anderen.

Am nächsten Tag geschieht genau das. Jesus kommt auf ihn zu. Kein Auftritt, kein Zeichen. Nur ein Mann unter vielen. Und doch spricht Johannes einen Satz, der bis heute nachhallt und alles verändert.
„Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“
Johannes 1,29
Kein moralischer Zeigefinger, keine Anklage. Johannes benennt nicht zuerst das Fehlverhalten der Menschen, sondern den, der Lasten trägt. Schuld wird hier nicht klein geredet, aber sie wird getragen. Nicht erklärt, nicht entschuldigt – sondern getragen.
Johannes berichtet davon, wie er Jesus erkannt hat: nicht durch Bildung, nicht durch Herkunft, sondern durch das Wirken Gottes selbst. Der Geist kommt herab, bleibt, bestätigt. Erkenntnis entsteht aus Beziehung, nicht aus Kontrolle.
„Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.“
Johannes 1,32

Am Ende steht kein System, keine neue Regel, sondern ein Zeugnis. Johannes sagt nicht: Ich habe alles verstanden. Er sagt: Ich habe gesehen. Und ich bezeuge, was ich gesehen habe.
„Und ich habe es gesehen und bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist.“
Johannes 1,34
Diese Worte laden ein, nicht bei Fragen stehen zu bleiben, sondern sich zeigen zu lassen, wer Jesus ist. Nicht als Idee, sondern als Gegenwart. Nicht als moralische Instanz, sondern als der, der trägt.
Vielleicht ist dieser Tag eine Gelegenheit, den Blick neu auszurichten. Weniger auf das eigene Müssen. Mehr auf den, der sagt: Ich bin da.

Jesus Christus,
du bist nicht laut gekommen, sondern nah.
Du trägst, was uns schwerfällt auszusprechen.
Richte unseren Blick neu auf dich.
Schenke Vertrauen, wo Zweifel sind.
Und Frieden, der bleibt.
Amen!
